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Sparvorschläge der Jamaika-Koalition:

„Ein katastrophaler Kahlschlag“

Was durch die Kürzungen der Jamaika-Koalition auf Kreisebene eingespart werden soll, müssen am Ende die Kommunen bezahlen.

Lisa ist 26 Jahre alt, schwanger und allein. Denn ihr Partner wollte kein Kind. Lisa braucht Hilfe, auch finanzielle. Anna, 35, hat bereits zwei Kinder, freut sich auf das dritte. Als das in der 38. Woche tot zur Welt kommt, weiß sie nicht, wie ihr Leben weitergehen soll. Auch sie braucht Hilfe, schließlich muss sie weiter für ihre anderen beiden Kinder da sein. Und Tina, 17, und ihr gleichaltriger Partner bekommen ein Kind, wollen dieses auch, wissen aber nicht so genau, wie sie ihr Leben künftig stemmen sollen. Lisa, Anna und Tina heißen in Wirklichkeit natürlich anders, ihre Geschichten aber sind wahr. Und nur drei von vielen, die Anja Krebs erzählen kann. Sie gehört zum Team der Schwangerschaftsberatungsstellen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Kreis. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen von den beiden Diakonischen Werken auf der rechten Rheinseite und den Geschäftsführern der drei Wohlfahrtsverbände hat sie jetzt ihre Arbeit ausführlich vorgestellt.

Nicht ohne Grund. Bekanntlich will die so genannte Jamaika-Koalition im Kreis Wesel die Personalkostenzuschüsse für die Beratungsstellen so drastisch kürzen, dass die Zukunft dieser Einrichtungen auf der Kippe steht. Aber in Gesprächen, so die Geschäftsführer von AWO und den Diakonischen Werken in Dinslaken und Wesel, Bernhard Scheid, Arnd Rutenbeck und Jürgen Orts, hätten sie immer wieder festgestellt, dass die Vertreter der Kreistagsfraktionen von CDU, Grünen, VWG/FDP herzlich wenig über Arbeit und Aufgaben der Beratungsstellen wüssten. Das ist auch der Eindruck von Petra Hommers, der Gleichstellungsbeauftragten für den Kreis Wesel und ihrer Dinslakener Kollegin Karin Budahn-Diallo. Allen Beteiligten sei klar, dass gespart werden müsse. Aber dann bitte nicht einseitig, sondern mit Sinn und Verstand, mit einer richtigen Debatte, in der fachkundig über Inhalte gesprochen werden könne. Für die beiden Gleichstellungsbeauftragten ist das Sparpaket ein „katastrophaler Kahlschlag“.

Ein paar Zahlen und Fakten: Im Kreis Wesel gibt es acht Beratungsstellen von fünf unterschiedlichen Trägern. Keine Doppelstruktur, sondern vom Gesetzgeber so gewollt. Wer Hilfe braucht, soll wählen können, wo er sie bekommt. Insgesamt elf Beraterstellen gibt es, garantiert nicht zu viel, denn das Land, das 80 Prozent der Personalkosten trägt, hat hier den Daumen drauf. Es gibt einen Schlüssel, wie viele Berater pro Einwohner genehmigt werden. Und da liege man im Kreis Wesel knapp unter dem Bedarf. Die Beratungsstellen sind auch diejenigen, die die Mittel der Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“ auszahlen. Mittel, die regional gebunden sind. Eine Frau aus dem Kreis Wesel kann nicht, weil es im Kreis keine Anlaufstellen mehr gibt, die Mittel in Duisburg oder Kleve beantragen. Allein beim Diakonischen Werk in Wesel werden pro Jahr mehr als 100.000 Euro durch Aktion Lichtblicke und die Bundesstiftung ausgezahlt - die fehlen künftig. In den Nachbarkommunen und -kreisen könnten die Frauen aus dem Kreis Wesel zwar rein theoretisch einen Beratungstermin in Sachen Schwangerschaft ausmachen, aber ob wann sie den bekommen, ist fraglich. Alle Beratungsstellen sind ohnehin schon gut ausgelastet, die Flüchtlingswelle kommt jetzt noch dazu. Schnelle Kristenintervention wird so unmöglich. Ganz abgesehen davon, dass viele Ratsuchende nicht mobil sind und schon Probleme haben, die Anlaufstellen im Kreis Wesel zu erreichen. Und: Alle Beteiligten sind eingebunden in äußerst effiziente Netzwerke, die die verschiedensten Problemlagen abbilden. Netzwerke, in denen sich alle vor Ort kennen. Beratungsstellen aus anderen Kommunen haben diese Netzwerke in ihren Städten, aber nicht im Kreis Wesel.

Kurzsichtig und kontraproduktiv, nennen die Wohlfahrtsverbände und die Gleichstellungsbeauftragten die Sparpläne. Das, was künftig nicht mehr für Menschen in schwierigen Situationen geleistet werden könne, unter anderem durch das System der Frühen Hilfen, komme doppelt und dreifach auf die Kommunen zurück. In der Jugendhilfe zum Beispiel.

Seit rund 30 Jahren, sagt Bernhard Scheid, gebe es die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem Kreis und den Wohlfahrtsverbänden. Die dürfe nicht zerstört werden. Er appelliert an die Jamaika-Koalition, innezuhalten, hofft auf ein Moratorium, um dann endlich in einen inhaltlichen Dialog einzusteigen. „Wir sind bereit dafür.“

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Geschäftsführer Referatsleiter Familienpolitik und Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik



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Bernhard Scheid

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AWO Kreisverband Wesel e.V. (bis 31.12.2017)
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