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AWO Erziehungsstellen:

„Es ist unheimlich schön, die Entwicklung der Kinder zu sehen“

Alexander ist froh, dass seine Eltern ihr Geld vor ihm wegschließen. Der 16-Jährige würde es sonst klauen, immer wieder. „Wir haben mit ihm geredet, geredet und geredet, doch das bringt nichts. Es ist ein Zwang", sagt Melanie Kutzick. Sie und ihr Mann bilden eine so genannte Erziehungsstelle der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Wesel. Das heißt, sie nehmen Kinder bei sich auf, die nicht mehr in ihren Ursprungsfamilien leben können, weil sie dort vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurden. Oder alles auf einmal.

 

AWO Erziehungsstellen

„Man könnte sagen, dass die Erziehungsstellen ,Profifamilien' sind", erklärt Arnd Koukal, Leiter der Abteilung Ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfen zur Erziehung bei der AWO in Dinslaken. „Es ist vergleichbar mit den Pflegefamilien, doch die Rechtsgrundlage ist eine andere. Zudem ist immer mindestens ein Elternteil ausgebildeter Pädagoge, Erzieher oder Psychologe, und sie bekommen bei uns ein Gehalt." Wenigstens eine Fortbildung pro Jahr, monatliche Supervisionen und eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Fachberatern kennzeichnen eine Erziehungsstelle außerdem.

Alexander kam zu den Kutziks, als er sechs Jahre alt war. „Es fing mit einem Telefonat an", erinnert sich Melanie Kutzick, die ausgebildetete Erzieherin ist. Was sie dabei über Alexanders Geschichte erfuhren, ließ das junge Ehepaar schlucken. „Es gab nicht viel Positives, und wir haben auch befürchtet, dass Alexander vielleicht zu alt für uns wäre." Doch die Kutzicks ließen sich auf einen „Guck-Kontak" ein - einen Besuch im Kinderheim ohne dass das Kind etwas davon weiß. „Die Familie und das Kind müssen sich sympathisch sein", betont Koukal.

Vor der Tür des Heims gerieten sie zufällig mit einem Jungen ins Plaudern. „Wir haben noch gemeint ,Mit dem könnten wir uns das auch vorstellen'", erzählt Kutzick. Das Kind war tatsächlich Alexander. „Er wusste nicht, wer wir waren und hat uns einfach angesprochen." Der Rest verlief beinahe bilderbuchmäßig. „Innerhalb von drei Wochen waren wir Eltern", so Kutzick und beeilt sich hinzuzufügen „Dass es so schnell geht, ist eher die Ausnahme. Bei Felix, der letztes Jahr zu uns gekommen ist, hat die Anbahnungsphase etwa drei Monate gedauert." Während dieser Zeit haben beide Seiten Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, bis das Kind schließlich ganz bei der neuen Familie bleibt.

Bilderbuchmäßig seien damals auch die ersten paar Monate mit Alexander verlaufen. „Das ist am Anfang oft so", bestätigt Volker Swoboda vom Erziehungshilfe- und Beratungszentrum der AWO in Dinslaken, der die Familie seit zehn Jahren begleitet. „Die Kinder verhalten sich überangepasst, weil sie gefallen möchten. Danach folgt das andere Extrem - sie wollen herausfinden, was sie tun müssen, damit sie wieder weggeschickt werden." Alexander und Felix (5) wurden nicht weggeschickt. Sie nennen die Kutzicks sogar „Mama und Papa". Doch das ist bei jedem Kind und jeder Erziehungsstelle unterschiedlich. Auch, ob der Kontakt zur Herkunftsfamilie gehalten wird, hängt von der individuellen Situation ab.

Der Alltag mit den Jungen kann hart und anstrengend sein. „Es ist ein schwieriger Spagat, aber ich habe gelernt, wann ich mich als Mutter gehen lassen kann und wann ich das als meine Arbeit sehen muss", sagt Kutzick, deren Eltern ab und zu auf die Jungen aufpassen, damit sie und ihr Mann ein bisschen verschnaufen können, allein. Melanie Kutzick gefällt es, ihren Beruf mit ihrem Privatleben mischen zu können. „Man darf keine Erwartungen stellen, weder an das Kind, noch an das Umfeld", rät sie. „Und man muss sich ein dickes Fell zulegen und darf seinen Humor nicht verlieren." Leicht gesagt. „Als die ersten 50 Euro fehlten, habe ich geheult", erzählt sie.

Wenn Alexander Geld nimmt, kauft er davon übrigens Süßigkeiten. Dabei liegen für ihn und Felix zu jeder Zeit massig Kekse, Schokolade und Weingummi bereit. Die Erklärung für Alexanders Verhalten ist so einfach wie schockierend. „Wenn ein Kind im frühen Alter die ein ständiges Hungergefühl erlebt hat, ist das für immer abgespeichert, trotz neuer Familie", sagt Kutzick. Sie würde auf jeden Fall alles noch einmal so machen. Es sei toll, wie sehr sich die beiden schon über Kleinigkeiten freuten. „Und es ist unheimlich schön, die Entwicklung der Kinder zu sehen."

 

(die Namen der Jungen wurden geändert)

Bildunterzeile: Als Felix zu den Kutziks kam, war er drei Jahre alt und konnte weder laufen noch sprechen. Auch Spielen musste er erst lernen.



Foto: Abteilungsleiter

Arnd Koukal

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Erziehungsstellen

Der AWO Kreisverband Wesel sucht Familien, Paare und Einzelpersonen, die als Erziehungsstelle einem problembelasteten Kind langfristig ein Zuhause bieten. Voraussetzung ist die Ausbildung eines Elternteils als Erzieher, Psychologe oder (Heil-) Pädagoge. Dem Kind sollte ein eigenes Zimmer zur Verfügung stehen. Die Erziehungsstellen arbeiten eng mit den Familienberatern der AWO zusammen und bekommen ein Gehalt.

Weitere Informationen erteilt Arnd Koukal unter Telefon 02064 621814.

Internet: www.awo-kv-wesel.de