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AWO-Beratungsstellen für Schwangerschaft und Sexualität

Aufklärung 2.0

Aufklärung 2.0

Auch wenn die Zugangswege zu Informationen rund um die Themen Sexualität und Aufklärung mannigfaltig und jederzeit verfügbar sind, ändern sich manche Dinge trotzdem nicht. Wie etwa die Fragen, die Jugendlichen auf der Seele brennen, wenn sie sich mit dem Thema Sexualität beschäftigen. Vor 30 Jahren gab es die Antworten von Dr. Sommer in einer großen deutschen Teenie-Zeitschrift. Dr. Sommer existiert noch, aber besser ist das direkte Gespräch. Mit Matthias Biermann. Der Sozialarbeiter koordiniert den Bereich sexuelle Bildung in den Beratungsstellen für Schwangerschaft und Sexualität des Kreisverbandes Wesel der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Und er ist ein Alleinstellungsmerkmal für die AWO, denn sie ist der einzige Träger im Kreis Wesel, der in seinen Schwangerschaftsberatungsstellen einen männlichen Mitarbeiter beschäftigt, so Stephanie Walbrunn, Leiterin der vier AWO-Beratungsstellen in Moers, Kamp-Lintfort, Dinslaken und Wesel.

Matthias Biermann

Matthias Biermann und seine Kolleginnen sind in den weiterführenden Schulen im Kreis Wesel unterwegs, um die Lücke zwischen Lehrplan und Bedürfnissen der Jugendlichen zu erfüllen. „Der Lehrauftrag der Schulen sieht Sexualaufklärung vor, beschränkt sich aber meist auf die biologischen Vorgänge“, sagt Biermann. Über engagierte Lehrer*innen, Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen an den Schulen entsteht in der Regel der Kontakt zur Beratungsstelle. Was möchte die Schule, was möchten die Schüler*innen, was kann die AWO leisten? Daraus entsteht ein individuelles Angebot.

Hauptsächlich ist das Team in den achten und neunten Klassen mit Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren unterwegs. Zu Beginn einer Veranstaltung vor Ort in der Schule steht ein Quiz, multimedial versteht sich. Über die Fragen und Antwortmöglichkeiten kommen alle Beteiligten ins Gespräch: „Wofür ist Selbstbefriedigung gut? a) Es ist ungesund b) Es ist Genuss ohne Risiken und Nebenwirkungen und c) Männer brauchen es, um keinen Samenstau zu bekommen“. Damit ist ein humorvoller Einstieg in ein Thema möglich, mit dem jede und jeder anders umgeht. Oder: „Woran erkennt man, dass ein Mensch schwul, lesbisch, bi oder heterosexuell ist? a) An der Kleidung b) Gar nicht oder c) am Verhalten. Dies entfacht eine Diskussion, die in jeder Schule anders verläuft. Matthias Biermann und seine Kolleginnen zeigen Fotos bekannter Persönlichkeiten, die sich geoutet haben. Zum Beispiel den Hauptdarsteller einer bei jungen Menschen beliebten amerikanischen Serie, der einen Frauenheld mimt. „Was … der … ? Das hätte ich gar nicht gedacht“ ist häufig die Reaktion. Und schon ist der Einstieg in die nächsten wichtigen Bausteine der Sexualpädagogik gelungen: Diskriminierung aufzuzeigen, respektvoller Umgang miteinander, das Recht auf Selbstbestimmung, eigene und fremde Grenzen achten.

Nach dem Quiz in der ganzen Klasse geht es in die Aufteilung nach Jungen- und Mädchengruppen, doch so sagt das heute keiner mehr. „Diversität, also Geschlechtervielfalt, ist für junge Menschen ein großes Thema. Deshalb heißt es, diejenigen, die sich dem männlichen Geschlecht zuordnen, gehen in den einen Raum, diejenigen, die sich dem weiblichen Geschlecht zuordnen, in den anderen.“ so Matthias Biermann. Die Trennung nach Geschlechtern macht Sinn, denn in dieser geschützten Runde können Alle anonym Fragen stellen, Alle haben die gleichen Zettel und die gleichen Stifte.

Stephanie Walbrunn

Matthias Biermann und seine Kolleginnen legen Wert darauf, Respekt vorzuleben. „Alle Fragen sind erlaubt, die Antworten bewerten oder verurteilen wir nicht, sondern holen die Jugendlichen dort ab, wo sie sind“. Ein Beispiel macht dies deutlich. Jemand aus der Gruppe erklärt, dass ihn das alles nicht besonders interessiere, denn Geschlechtsverkehr vor der Ehe sei für ihn tabu. Antwort des Sozialarbeiters: „Dann musst du jetzt besonders gut aufpassen, denn du musst dir das alles ja viel länger merken als die anderen.“

Sexualität ist nach wie vor ein Tabuthema, weiß Biermann. Neue Studien belegten, dass Jugendliche heute weniger mit ihren Eltern darüber sprechen würden als vor einigen Jahren. „Nicht mal zehn Prozent der Kinder erzählen ihren Eltern, ob sie gewollt oder ungewollt Pornografie gesehen haben.“ Dabei sei die Auseinandersetzung enorm wichtig, damit Kinder und Jugendliche einordnen könnten, was sie gesehen haben. Pornografie sei nur die Spitze des Eisbergs, das, was im Netz, in Medien, in der Reklame, einfach überall in Sachen Sexualität dargestellt werde, habe in der Regel nichts mit Normalität zu tun. Im Film bekomme immer der große, starke Kerl die schönsten Frauen, die schmächtigen Typen blieben auf der Strecke. Junge Menschen gerieten so unter Druck, einem vermeintlichen Ideal entsprechen zu wollen. Kein Wunder, dass zu den Fragen, die Biermann und seinen Kolleginnen besonders häufig gestellt werden, diese gehören: Was ist normal und wie lange muss ich durchhalten? „Es gibt einfach keinen Bereich, in dem sich falsche Informationen so hartnäckig halten, wie beim Thema Sexualität.“

Neben der Arbeit mit den Schulklassen und dazu gehörigen Einzelsprechstunden bietet Matthias Biermann auch Minifortbildungen für Lehrer*innen an. Außerdem ist er mit einer Kollegin, die viel Erfahrung hat in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen, in Förderschulen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung unterwegs. Ein umfangreiches Programm, Schulen, die ihn jetzt buchen wollen, müssen sich gedulden. Ein Jahr, um genau zu sein, denn die nächsten freien Termine gibt es im Winter 2020.

Die Nachfrage ist groß, was ihn freut. Ganz besonders dann, wenn Schüler*innen ihn auf dem Schulhof ansprechen und nach Quiz, Parcours und Einzelgesprächen verlangen. „Sie haben von anderen Klassen davon gehört, und möchten das auch haben.“ Und wenn er dann noch in den Gruppen merkt, wie sich die coolen Wortführer und Klassenclowns konzentrieren und andere ermahnen, ruhig zu sein, weil sie alles hören wollen, oder erklären, so hätten sie noch nie über diesen und jenen Punkt nachgedacht, „dann haben wir wirklich etwas erreicht und etwas in den jungen Menschen bewegt“.

Hintergrund:

Seit mehr als 40 Jahren gibt es die AWO-Beratungsstellen für Schwangerschaft und Sexualität im Kreis Wesel. Sie entstanden, nachdem der Gesetzgeber Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Indikationsregelung auf den Weg gebrachten hatte, „die Arbeiterwohlfahrt hat sich damals direkt engagiert“, sagt Stephanie Walbrunn, die Leiterin der vier AWO-Beratungsstellen im Kreis. Für sie eine logische Umsetzung von Werten, die die AWO seit ihrer Gründung vertritt. „Die AWO hatte immer ein großes politisches Interesse daran, Themen wie Selbstbestimmung, Frauenrechte und die Hilfe zur Selbsthilfe aufzugreifen, aufzuklären und Unterstützung für Menschen in schwierigen Situationen anzubieten.“

So hatte schon Marie Juchacz, die Gründerin der AWO und eine der ersten Frauen im Reichstag nach 1919, bereits 1926 in einer Rede gefordert: „Es müssen so viele gemeinnützige Beratungsstellen entstehen, dass jede Frau und jeder Mann, jedes Ehepaar, die Möglichkeit hat, eine solche Stelle aufzusuchen“. Und in dieser Rede, so Stephanie Walbrunn, weise sie zudem darauf hin, dass Prävention eine besonders notwendige und wertvolle Arbeit sei – wichtiger als Fürsorge. Ein Ansatz, der heute nach wie vor seine Berechtigung hat und sich durch die Aufgaben der AWO Schwangerschaftsberatungsstellen im Kreis Wesel zieht.

Mittlerweile arbeiten die Schwangerschaftsberatungsstellen nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz, welches das Recht auf Beratung für jeden Mann und jede Frau beschreibt. Die Themenpalette ist mittlerweile deutlich weiter geworden, sie umfasst neben der Schwangerschaftskonfliktberatung auch die Prävention von HIV-Infektion, sexuelle Bildung, die Prävention von sexualisierter Gewalt, Pränataldiagnostik, die Vergabe der Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“ und vertrauliche Geburt. Vier Beratungsstellen unterhält die AWO im Kreis Wesel, in Moers, Kamp-Lintfort, Dinslaken und Wesel.

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Download 2019-12-04-AWO-PM-Sexuelle_Bildung
Pressetext als RTF-Dokument

Download AWO-PM-Sexuelle-Bildung_Biermann
Koordiniert den Bereich Sexuelle Bildung: Matthias Biermann

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Stephanie Walbrunn leitet die vier AWO-Beratungsstellen im Kreis






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